Nicht jedes Rehkitz braucht Hilfe, aber jede Hilfe muss richtig sein!

Um hilfsbedürftigen Kitzen sachgerecht zu helfen, genügt Tierliebe allein nicht! Kitzfinder mögen sich unbedingt mit einer Aufzuchtsstation und/oder einem Tierarzt in Verbindung setzen. Dort wird das Kitz medizinisch behandelt und fachkundiger Rat erteilt, ohne dem das verwaiste Kitz, sowie viele kranke und verletzte Rehe zu einem qualvollen Tod verurteilt sind.

Tierliebe allein genügt nicht, um hilfsbedürftigen Kitzen sachgerecht helfen zu können! Prüfen Sie zunächst ob das Tier überhaupt Ihre Hilfe nötig hat (siehe nächstes Feld) und suchen Sie dann ggf. eine Rehkitzstation oder einen fachkundigen Tierarzt zu Rate. (Über Tierarztinfo können Sie auch Rat und Behandlungsunterstützung für Ihren Tierarzt ausdrucken und somit den Tierarzt bei der schwierigen Behandlung des überaus sensiblen Tieres helfen). Oft ist medizinischer und fachkundiger Rat und Behandlung nötig, damit ein krankes und verletztes Kitz nicht zu einem qualvollen Tod verurteilt ist. (Manchmal ist eine Erlösung vom Leid auch eine große Hilfestellung die gegeben werden muss, wenn abzusehen ist, dass das Leid des kleinen Tieres unangemessen hoch ist.)

Welche Kitze brauchen Hilfe?

Hilfsbedürftig sind:

  • Verletzte Kitze:
    Oft deuten schon Fundort und -umstände (Straße, Bauarbeiten, eigener Garten) auf Verletzungen hin. Tiere, die vermutlich tagelang in Gruben, Lichtschächten o.ä. ohne Wasser und Futter gefangen waren, brauchen ebenfalls Hilfe. Hat eine große Katze oder ein Hund das Tier angebracht ist von Verletzungen auszugehen.
  • Kranke Kitze:
    Man erkennt sie meist daran, dass sie torkeln, vereiterte oder zugeschwollene Augen haben, Maden am Fell oder Körperöffnungen vorzufinden sind.. Auf kranken Kitzen (wie auch auf Säuglingen und Verletzten) sitzen in der warmen Jahreszeit häufig Schmeissfliegen, die ihre Eier ablegen. Kranke Kitze sind apathisch, sind oft mager (Einbuchtung hinter den Rippen (Labmagen ist leer). Ihre Augen sind eingefallen, schlitzförmig und nicht klar. Die Nase ist nicht nass und glänzend.
  • Verwaiste Rehkitze/Hirschkälber und andere:
    Kitze, die sich tagsüber allein im Gras oder Büschen befinden sind nicht immer gleich Mutterlos. Die Mutter sucht es regelmäßig zum Stillen auf und entfernt sich dann wieder. Da das Kitz noch nicht folgen kann, legt sie es geschützt im Versteck ab. Sollte das Kitz jedoch über längere Zeit keine Besuch der Mutter mehr bekommen haben, wird es bald nach ihr fiepen. (Beobachten Sie bitte aus größerer Entfernung ob die Mutter nicht durch das Rufen zum Kitz kommt, suchen Sie es notfalls zum späteren Zeitpunkt nochmals auf und entfernen sich zunächst komplett) Liegt beim nächsten Besuch wenige Zeit später das Kitz wieder ruhig und kuschelig in seinem Versteck, war die Mutter da und es ist nicht Mutterlos. Fiept es jedoch immer noch kläglich oder ist gar sehr geschwächt können Sie davon ausgehen, dass es mutterlos ist und Sie müssen Hilfe leisten.

Checkliste Erste Hilfe

  • Kitz auf Verletzungen untersuchen!
    Dazu muss man auch Kopf, Bauchseite und Beine inspizieren. Oft werden Verletzungen einfach übersehen, denn das dichte Fell lässt nicht sofort jeden leichtläufigen Blick Verletzungen erkennen. Ist das Fell verklebt lässt es auf verklebtes Blut schließen, eine Bissverletzung vielleicht. Hat es symmetrische Gesichtszüge? Ist eine Seite geschwollen oder ein Auge gar geschwollen? Viele Verletzungen sind im Kopfbereich wenn ein Hund es gepackt hatte. Manchmal sind talgige und weiße Beläge am Kitz zu finden, es könnte sich um Fliegeneier oder Maden handeln, welche sich an Verletzungen niederlassen.
  • Unterkühlte Kitze wärmen!
    Eine Unterkühlung ist vorhanden, wenn sich das Tier an der Bauchseite deutlich kälter als die eigene Hand anfühlt. Eine mit gut handwarmem Wasser gefüllte Gummiwärmeflasche umwickelt man mit einem Frotteehandtuch (ohne Aufhänger, ohne Löcher oder heraushängende Fäden - Verletzungsgefahr!) und legt sie in einen passenden, hochwandigen Karton. Darauf setzt man das Kitz und deckt es mit einem weiteren Handtuch zu. Rotlicht ist meist nicht zu empfehlen, da solche Tiere zumeist schon stark ausgetrocknet sind und nicht mit Rotlicht zusätzlich ausgetrocknet werden sollten.
  • Außenparasiten entfernen!
    In der warmen Jahreszeit findet man Fliegeneier und -maden in Wunden, aber auch in den Körperöffnungen (Ohren, Mund, After etc.) unverletzter, jedoch kranker und schwacher Tiere. Diese müssen unverzüglich entfernt werden. Fliegeneier sind weißliche, etwa 1,5 mm lange aneinanderklebende Stäbchen, Fliegenmaden kleine weißliche Würmchen. Man sammle sie sehr sorgfältig mit der Pinzette ab. Flöhe lassen sich am besten mit einem speziellen giftfreien Mittel (keinen Puder verwenden!) - aus der Zoohandlung oder vom Tierarzt entfernen. (Kein Frontline nutzen! Daran sterben die Kitze innerhalb weniger Stunden!) Giftfreies Mittel bei Fressnapf EUKACID (6,99 € unverbindliche Preisangabe) zu erhalten. Oder machen Sie einen Brennesselaufguss und reiben das Tier mit einem eingeweichtem Tuch leicht ein. (niemals Baden oder Wasser überschütten! – Schock - ! ) Zecken nicht mit Öl, Nagellack oder Klebstoff behandeln! Man fasst sie mit einer Pinzette möglichst dicht an der Haut des Kitzes und zieht sie ruckartig heraus.
  • Geschlecht bestimmen!
    Zur Geschlechtsbestimmung dem Kitz auf Hintereil blicken bzw. sogar unterm Bauch fühlen ob es ein Männchen ist.
  • - Männchen: kleiner Knopf (Penisöffnung) in der Mitte der hinteren Körperhälfte.
    - Weibchen: Scheide unmittelbar unter dem After. Bei den Weibchen ist die Scheide mit einem weißen Pinsel versehen (siehe Bild)
  • Pflegeprotokoll anlegen und führen!
    Funddatum, -uhrzeit, -gewicht und genaue Fundstelle notieren. Damit beginnt das Pflegeprotokoll, in das weiterhin Gewichtszunahme, Tierarztbesuche, verabreichte Medikamente usw. eingetragen werden.
  • Füttern!
    Zum Trinken ein Schüsselchen Wasser (niemals Milch) hinstellen. Schwachen Tieren flößt man mittels einer Plastik-Einwegspritze (natürlich ohne Nadel!) lauwarmen, mit Traubenzucker leicht gesüßten Fenchel- oder Kamillentee ein. Bei schwachen Tieren ist eine Gabe von Schwarztee empfehlenswert. Des weiteren müssen frische Erde (am besten von einem frischem Maulwurfshügel) in einem Schälchen zur freien Aufnahme bereit stehen. Frisches Grün, Kleeblätter, Weidenblätter, Löwenzahnblätter können gereicht werden. Dem Alter entsprechend kann man den Futterplan erstellen (siehe Tabellen zur Fütterung und Futtermittel).
  • Tierarzt und/oder Aufzuchtsstation aufsuchen!
    In jedem Fall und so bald wie möglich sollte man eine Rehkitzstation und/oder den Tierarzt aufsuchen. Verletzungen zu versorgen ist Sache des Tierarztes; er hilft (wie auch die Rehkitzstation) bei der Entfernung von Außen- und Innenparasiten. Außerdem kann er mit den entsprechenden Präparaten auch sehr geschwächten Tieren helfen. Ein krankes oder verletztes Kitz ist dringend auf fachmännische Hilfe angewiesen - Unterkunft und Nahrung allein helfen ihm nicht!
  • Rehkitzgehege herrichten!
    Kitze sind anfänglich Einzelkinder. Jedes Pflegekitz braucht also ein eigenes Gehege mit ausreichend Platz und ein Schlafhäuschen. Lesen Sie mehr über die sachgemäß hergerichtete Unterkunft. Auch ist so die Kontrolle über Futteraufnahme besser möglich, als wenn zwei aus einer Schale naschen.
  • Kot für Untersuchung sammeln!
    Kotuntersuchungen sind bei Kitzen ungemein wichtig, denn sie geben Aufschluss über die Menge und Art des Befalls mit Innenparasiten und über bakterielle Infektionen. Den Kot von zwei Tagen sammelt man in einem gut verschließbaren Gefäß (z. B. in einem sauberem Marmeladenglas oder Buttertopf) und schickt ihn an ein entsprechendes Labor. Tierarzt, Rehkitzstation und Veterinäramt nennen Adressen, nehmen manche Untersuchungen aber oft auch selbst vor.
  • Gesunde Kitze sofort wieder freilassen! (sofern nicht verwaist)
    Haben Tierarzt oder Kitzstation erkannt, dass das aufgenommene Tier keiner menschlichen Hilfe bedarf, muss das Kitz umgehend an seinen Fundort bzw. in dessen unmittelbare Nähe zurückgebracht werden. Hier genügt jedoch ein einfaches ablegen nicht! Sie müssen sehr sorgfältig vorgehen, sonst nimmt die Mutter das Kitz nicht mehr an und es wird elendig verhungern. So gehen Sie vor: Nehmen sie aus der Umgebung frische (bestenfalls feuchte) Erde auf und reiben sich die Hände gründlich ein, bis hoch zu den Ellenbogen. Reiben Sie auch das Kitz mit der Erde ab um Ihren Duft zu verwischen! Nehmen Sie Gräser und Laub und reiben sich und Kitz auch damit ein und ab, wieder etwas Erde und wieder einreiben. Dann können Sie das Kitz nehmen und an seinen Fundort zurück legen. Entfernen Sie sich und kontrollieren später ob es von der Mutter weg geführt wurde oder noch verlassen dort liegt. Wenn Sie sorgfältig vorgegangen sind wird es bald nach der Mutter rufen und sie herbeilocken, welche es dann wieder an sich nimmt.

Untersuchung und Erstversorgung

Zur Untersuchung und Geschlechtsbestimmung das Tier sanft abtasten, symmetrische Kopfform ansehen, sind Schwellungen zu erkennen? Ist das Fell in irgendeiner Form verklebt oder sind weiße Ablagerungen (Madeneier, Fliegen oder ähnliches) zu erkennen? Ist die Nase feucht und glänzend? Sind die Augen klar? Ist es ein Rickenkitz oder ein Bockkitz? Böckle haben kurz hinterm Bauchnabel einen Schlauch die Mädchen einen kleinen Puschel unterm Poloch. Hat es noch Kitzflecken? Wie schwer ist es? Ektoparasiten? (Flöhe, Zecken, Milben, Fliegeneier und -maden; letztere auch in allen Körperöffnungen möglich)

Verletzungen (z.B. Wunden, Brüche u.a., auch an den Gliedmaßen)

Abszesse, Schwellungen, Ödeme

Knochendeformationen

Atem- und Lungengeräusche

Nasensekret, Augensekret

Mundhöhle (z.B. Fremdkörper, Entzündungen, Kieferbruch)

Unterkühlte Kitze wärmen (Normaltemperatur eines gesunden Kitzes 39/39,5°C)

niemals Frontline oder andere Gifte auftragen und nicht sofort entwurmen!

(Die Entwurmung von Kitzen in schlechtem Allgemeinzustand kann zum Exitus (Tod) führen.)

 Eventuell Kotuntersuchung vornehmen/veranlassen


Erstversorgung / Behandlungsmöglichkeiten

Aufbaubehandlung bei schwachen Kitzen

Ist das Kitz fähig zu schlucken, sollte es in der ersten Flaschentränkung zunächst etwas Tee mit Traubenzucker  versorgt werden, im Anschluss dann dem Alter entsprechend (Gewicht gibt Aufschluss Altersbestimmung) mit passender Milchversorgung beginnen. Biestmilch oder Aufzuchtsmilch. Ziegenmilch kann genutzt werden, diese wird recht gut von den Kitzen vertragen. Andere Milcharten sind absolut zu vermeiden! Sie führen kurz über lang zum Tod des Kitzes! Im Einkaufsladen erhalten Sie notfalls H-Ziegenmilch im Tetrapack (3,5 % Fett) diese können Sie ebenfalls Körperwarm (39°C) dem Kitz zu trinken geben. Bei schwachen Tieren kann man auch ein paar Tropfen Eigelb mit in die Milch geben, diese baut den tierischen Eiweißhaushalt rasch wieder auf.

 

 

[Home] [Erste Hilfe] [richtig helfen] [Tierarztinfo] [sonstige Hilfe] [Arten unterscheiden] [Aufzucht] [Reh Grundwissen] [Verhalten im Wald] [Gesetzeslage] [Danksagung] [Impressum] [Datenschutz] [Presse] [Andere Gäste] [Buch] [Links] [St. Hubertus]

Rehkitz gefunden - was nun?

Inhaltsverzeichnis:
Welche Kitze brauchen Hilfe richtig helfen?
Gesetzesvorschriften
Checkliste Erste Hilfe
Unterkunft
Ernährung
Aufzucht verwaister Rehkitze
Krankheiten
Auswilderung